Samstag, 12. November 2011

Gepäckservice 2. Teil

Nichts geschah. Nach gut zehn Minuten besah er sich den Koffer genauer. Er war bis auf seine grelle Farbe absolut unscheinbar. Das einzig persönliche, war der kleine, silberne Gepäckanhänger, welcher am Griff angebracht baumelte. Für einen Moment war er versucht hineinzusehen, um herauszufinden wie sie hieß, doch er zögerte. Dann plötzlich rumpelte lautstark ein neuer Koffer auf das Gepäckband. Ein neuer Flieger war gelandet. Schnell folgten weitere Koffer und der Raum füllte sich mit Leben. Nachhausegekommene, Reisende, Abenteurer und verausgabte Angestellte griffen ihre Koffer, um in den Rest des Tages zu starten. Nach einer halben Stunde kehrte wieder Ruhe ein. Diesmal blieb kein Koffer übrig. 
„Kann ich Ihnen helfen“ fragte ihn plötzlich ein Flughafenmitarbeiter. 
„Nein, alles in Ordnung“ sagt er schnell und war froh, als der Mitarbeiter zwar etwas unsicher aber dann doch zügig weiterging. In Zeiten der weltweiten Unsicherheit sah es sicher verdächtig aus, dass er hier seit einer Stunde auf seinen Koffern saß, ohne sich zu bewegen. Eigentlich ja auf seinem Koffer, denn der andere gehörte ihm ja gar nicht. Aber er würde etwas unternehmen müssen, schloss er. Mutig griff er zum Gepäckanhänger, um Name und Adresse der Unbekannten herauszufinden. „J. Bauer, Birkenstraße 18, 10559 Berlin“ Er war enttäuscht „J.“ Konnte so ziemlich alles heißen. Von Janine bis Jürgen, war alles möglich. Er wollte gerade sein Namensgedächtnis anzapfen, als er den Flughafenmitarbeiter wieder sah. Da er auf keinen Fall einen Sicherheitsalarm auslösen wollte, griff er sich die beiden Koffer, um sich im nächsten Café die weiteren Schritte zu überlegen. 
Nach einem großen Schluck heißem Kaffe funktionierte sein Namensgedächtnis gleich viel besser. „J.“, dachte er. Das könnte Janine, Julia, Josephine, Jennifer, Juliane, Jacqueline, Johanna, Judith, Janet, Jessica oder Jutta heißen. So viele Möglichkeiten, so viele Leben. 
„Jennifer“, murmelte er vor sich hin. Sie war sicher eine Schauspielerin kurz vor ihrem Durchbruch. Ein großes Filmstudio hatte ihr eine Rolle neben Moritz Bleibtreu angeboten, aber sie hatte Angst vor den Nacktszenen und so musste sie noch immer, um ihren künstlerischen Durchbruch bangen. Sie lebte in einer Wohngemeinschaft mit einer Studentin und einem Taxifahrer, mit dem sie mal für zwei Monate zusammen war, dem sie aber einen Laufpass gegeben hatte, weil er sie als Künstlerin einfach nicht ernst nahm. Sie kam von einem Kurzurlaub aus Italien mit Zwischenlandung in München zurück. Ihren Koffer hatte sie nicht mitnehmen können, weil sie sonst zu spät zu ihrem Vorsprechen für den nächsten Til Schweiger Film gekommen wäre. Sie und ihr Koffer könnten bald sehr berühmt sein, dachte er und ein Lächeln flog über seine Mundwinkel hinweg. 
„Janet“, sagte er leise und sehr betont vor sich hin. Sie war Mitarbeiterin in einer Werbeagentur. Einer der größten Kunden hatte sie zu einem Meeting nach München eingeladen. Sie hatte sich zwei Wochen lang intensiv darauf vorbereitet, aber der bayrische Naturbursche ließ sie gnadenlos auflaufen. Er forderte sie drei Tage lang immer wieder auf das Konzept umarbeiten, um sich mehrmals täglich an ihrem unsicheren, aber faszinierenden Auftreten zu erfreuen. Nach dieser Marathonarbeit grinste er sie ihr ins Gesicht: „Ich habe mich gerade für das Angebot einer anderen Agentur entscheiden.“ Er muss es genossen haben, wie sie vor ihm in sich zusammenbrach. Morgen würde sie ihrem Chef gestehen müssen, dass sie den Auftrage vermasselt hatte. Bedrückt und mit dem Gedanken morgen entlassen zu werden, hatte sie ihren Koffer fast selbstverständlich aus den Augen verloren. Ein Gefühl des Mitleids und der Wunsch sie trösten zu wollen durchschwebten ihn, als er seinen Kaffee bezahlte. 
„Mmmhhhh Johanna“ seufzte er auf dem Weg zum Taxistand. „Dr. Johanna“ korrigierte er sich selbst. Sie war eine der jüngsten Absolventinnen der medizinischen Fakultät in Freiburg. Sie galt als weltweite Kapazität auf dem Gebiet der Herzchirurgie, auch wenn ihr eigenes Herz noch immer gebrochen war. Ihr Exmann hatte sie wegen einer jüngeren verlassen. Mit ein bisschen Wehmut merkte er, dass er gerne an ihrem offenen Herzen operieren würde. Sie kam gerade von einem Symposium in München und wurde direkt mit einem Rettungshelikopter in die Charité geflogen, um dort eine äußerst komplizierte Notoperation vorzunehmen. 
Er bestieg das Taxi mit den Worten: „Bitte in die Birkenstraße 18 in Moabit.“ Der Fahrer nickte. Langsam starte das Taxi aus der Parklücke, sich in den dahinziehenden Verkehr einreihend. 
„Judith, Judith, Judith“, flüsterte er. Judith war ein Fetish-Model und trug während der Arbeitszeit fast nur Lack- und Lederwäsche. Sie hatte eine große Fangemeinde, von denen sich natürlich niemand öffentlich zeigen würde, so dass Judith auch nie wirklich bekannt geworden war, obwohl ihr Tausende, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Füßen lagen. In zahllosen Magazinen konnten man ihren Körper bewundern, mal mehr mal weniger von den unterschiedlichsten Materialien bedeckt. Auf der Straße sah sie gerade zu unscheinbar aus, aber als Model zurecht gemacht, konnten sie den Männern förmlich im vorbeifliegen den Verstand rauben. Sie wurde, wie es sich für eine Fetisch-Queen gehörte, natürlich abgeholt, doch ihr menschlicher Fussabstreifer hatte den Koffer vergessen, um sich freudig erregt seiner Strafe zu stellen. 
Er musste sich richtig zusammennehmen, um nicht laut loszulachen, als der Wagen hielt. Er bezahlte den Fahrer und stieg aus. Mit beiden Koffern in der Hand näherte er sich dem vierstöckigen Wohnhaus. Die Eingangstür stand offen. Nach einem kurzen, sich vergewissernden Blick auf die Klingeltafel stieg er die Treppen empor. Im zweiten Stock blieb er stehen. „J. Bauer“, stand am Klingelschild. Vielleicht doch Jürgen? Das ganze Haus schien für einen Moment den Atem anzuhalten, als er den Finger auf die Klingel legte. „Bitte legen Sie den Gurt an und stellen sie das Rauchen ein“, hallte es durch seinen Kopf, als er klingelte. 

Creative Commons Lizenzvertrag
Gepäckservice von Christian Baumelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.
Beruht auf einem Inhalt unter www.wortverdreher.blogspot.com.

Kommentare:

  1. Lieber Christian,
    nach Teil 1 und 2 hätte ich gern gewusst wie die Geschichte nun weiter geht!
    LG Ute

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Marianne,
    die Geschichte geht doch in Deinem Kopf zu Ende. Wer macht die Türe auf???

    AntwortenLöschen