Samstag, 12. November 2011

Gepäckservice - Teil 1

Gepäckservice
So langsam gab ihm auch sein Magen das Gefühl, wieder auf der Erde angekommen zu sein. Er hatte nicht wirklich Flugangst, aber beim Start und bei der Landung zeigte sein Magen dann doch deutliche Anzeichen einer gewissen Anspannung. Dieses kribbelnde Gefühl, dass sich wie eine Ameisenarmee durch das Innerstes bewegte. Kein Gefühl der Übelkeit, sondern mehr ein Gefühl der Unsicherheit, des Nervenkitzels. Früher hatte er dieses Gefühl ganz bewusst herbei geführt, wenn er sich auf dem Schützenfest geradezu kopfüber in die wilden Fahrgeschäfte stürzte. Heute beschlich ihn dieses Gefühl nur noch beim Fliegen, nur dass er es in diesem Fall eher zwangsläufig in Kauf nahm, als es bewusst herauszubeschwören. 
Er flog nicht allzu viel, doch das Kribbeln war jedes Mal dabei. Noch nie hatte er die kleinen hübschen Tütchen zur Hand nehmen müssen, aber er empfand es immer als beruhigendes Gefühl, dass sie da waren. Bei besonders turbulenten Flug hatte er auch schon das ein oder andere mal die Tüte mit seinen Fingern berührt, um sich ihre Anwesenheit zu vergegenwärtigen und sich anschließend deutlich entspannter wieder in den Sitz zurück fallen zu lassen. 
Dieses Mal jedoch deutete alles auf einen ruhigen Flug hin. Der Start verlief schnell und äußerst ruhig und der Himmel zeigte sich in seinem wolkenlosen Kleid von seiner besten Seite. Er atmete tief durch, lehnte sich zurück. In einer Stunde würde er bereits wieder festen Boden unter den Füßen haben. 
Er spürte das sanfte Aufsetzen bei der Bilderbuchlandung in Berlin. Das Kribbeln in seinem Inneren hielt, sich Dank der herausragenden Leistung des Piloten, in Grenzen. Dennoch verließ er das Flugzeug mit einer gewissen Erleichterung. 
Zwanzig Minuten später war auch sein Magen in Berlin angekommen. Er atmete tief durch und ging in Richtung Gepäckband. Bei Inlandsflügen war hier nie viel los, dennoch war er, auch seinem Magen zu liebe, zunächst ein bisschen umhergewandert. So konnte er seinen Koffer in aller Ruhe in Empfang zu nehmen. Die meisten Reisenden im Flieger waren Geschäftsleute mit leichtem Handgepäck. Alle übrigen hatten bereits ihre Koffer geschnappt, so dass er allein am Gepäckband stand. Sein Koffer fuhr geradewegs auf ihn zu. Mit einer schnellen Bewegung hob er ihn auf, um den Flughafen zu verlassen, als er am Ende des Bandes noch einen Koffer sah, der gerade um die Kurve kam. Überrascht sah er sich um, doch niemand war zu sehen. Der Koffer war grellrot, unmöglich ihn zu übersehen. Er schloss die Augen, um sich noch einmal die wenigen Mitreisenden vor Augen zu führen. Wem würde er einen solchen Koffer zuschreiben? Ein Koffer in dieser Farbe würde einer Frau gehören, dessen war er sich sicher. Die Maschine war auf dem Flug fast leer und er konnte sich lediglich an drei Frauen erinnern. Eine der Frauen hatte direkt vor ihm eingecheckt. Sie hatte keinen Koffer dabei und konnte somit sofort von der Liste gestrichen werden. Die Zweite hatte er vorhin noch in Begleitung von mehreren kleineren Kindern die Halle verlassen sehen. Derartig umsorgt würde sie wohl kaum ihren Koffer vergessen haben. Blieb einzig und allein die schlanke, blonde Dame, die drei Reihen vor ihm gesessen hatte. Die ganze Zeit hatte er darauf gehofft, sie einmal von vorne zu sehen, doch das blieb ihm verwährt. Er hatte sie nur von hinten gesehen, als sie Platz nahm, konnte sich jedoch einer deutlichen Begeisterung für ihr Äußeres nicht erwehren. Jetzt würde er also die Gelegenheit bekommen sie noch einmal und diesmal in voller Größe und Schönheit zu sehen. Er nahm den roten Koffer bei der Vorbeifahrt vom Band, stellte ihn vor sich und setzte sich auf seinen Koffer, um auf die Ankunft der unbekannten Dame zu warten. 

to be continued

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Gepäckservice von Christian Baumelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.
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