Montag, 19. Dezember 2011

Saure Weihnachten

Ein kleiner Linienbus in der Adventszeit in Rom.


Die völlig unweihnachtliche Landschaft zog in Windeseile an den Fenstern des Schnellzugs vorbei. Beim Einsteigen hatte sie noch gedacht, dass dem ICE nur noch eine rote Nase fehlt, damit er sich Rudolph nennen könnte. Ein Lächeln flog über ihr Gesicht, etwas seltenes in letzter Zeit. Sie war auf dem Weg nach Hause, in ihre leere kalte Wohnung, deren einziger Weihnachtsschmuck eine Kerze ihrer Mutter war. Sie hatte keine Lust auf Weihnachten. Seit drei Jahren lebte sie irgendwie zwischen der Zeit, dort wo es keinen Platz für Weihnachten, Geburtstage oder Familienfeierlichkeiten gab. Familie war woanders.
Es war der Heilige Abend, der Zug gähnend leer, da all jene, die Weihnachten auf die eine oder andere Weise feierten, in ihren Wohnzimmern saßen, Kartoffelsalat aßen, Weihnachtslieder sangen oder sich zumindest anhörten und sich beschenken ließen. Weihnachten wird unterm Baum entschieden. Was für eine Scheiße. Was verstehen die denn eigentlich von Weihnachten?
Sie würde gerne der Zeit entfliehen, wünschte sich, der Zug würde sie in eine Zeit, jenseits von Weihnachten bringen. Die matschigen Felder reihten sich nahtlos aneinander wie bei einer Bernsteinkette. Nicht einmal Schnee gab es. Weihnachten. Pah!
Der Zug wurde langsamer, trudelte aus, kam zum Stehen. Nichts Ungewöhnliches bei der Bahn, dachte sie. Sie schaute auf ein kleines Wäldchen. Plötzlich fühlte sie sich, wie der letzte Mensch auf der Welt. Zögernd stand sie auf, verließ das Abteil und ging den schmalen Gang des Wagons entlang, um sich zu vergewissern, nicht alleine zu sein.
Sie ging an sechs Abteilen vorbei, alle leer. Eine innere Unruhe stieg in ihr auf. Mit einem leichten Zittern öffnete sie die Wagontür und betrat den nächsten Wagen. Acht Abteile, alle leer. Keine Durchsage, kein Zugpersonal. Sie stand allein in einem verlassenen Zug im Nirgendwo. Vergessen. Das konnte doch nicht sein. Verdammt, es war Weihnachten. Sie ging weiter, dritter Wagen, acht Abteile, alle leer.
Ein kleiner Anfall von Panik stieg in ihr auf. „Ruhig“ sagt sie sich. „Irgendjemand muss wenigstens diesen Zug fahren.“ Aber der Zug fuhr nicht einmal mehr.
Der letzte Wagon. Sie hielt den Atem an. Das erste Abteil, leer. Das zweite, leer. Das dritte, leer. Nein, da saß eine ältere Dame, die sie gelassen anlächelte.
„Komm rein Kindchen.“
„Wissen sie was hier los ist?“
„Nein, aber das wird schon nichts Schlimmes sein. Selbst wenn, wir könnten ohnehin nichts daran ändern.“
Sie nickte und betrat das Abteil, setzte sich der alten Dame gegenüber. Die Alte trug ein strenges, für ihr Alter erstaunlich kurzes schwarzes Kleid mit weißem Kragen, dazu einen weißen kuscheliger Schal, der aussah, als wäre er aus Wolken gemacht. Ihre weißgrauen Haare waren gekonnt frisiert, die Lider etwas geschminkt und ihre faltigen Lippen leuchteten in einem unaufdringlichen aber auffälligen kussrot.
„Na Kindchen, was hat dich denn am Heiligen Abend hier verschlagen?“
„Ich bin auf dem Heimweg.“
Die Alte sah sie streng an, nickte wissend. „Und er ist bei der Familie.“
Das war keine Frage. Das war eine Feststellung. Ein Volltreffer. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen.
„Ich seh das Kindchen. Ich seh das sofort. Ich habe schon so viel in meinem Leben gesehen.“ Sie atmete tief durch. War es wärmer geworden im Abteil? Das frierige Zittern hatte nachgelassen.
„Wenn er dich hat gehen lassen, dann lass ihn auch gehen. Du hast was Besseres verdient Kindchen. Warten kannst du auf den Zug, aber nicht auf das Leben. Und schon gar nicht darauf, dass ein Mann seine Frau verlässt.“
Die Alte lächelte. Wie konnte sie das alles nur wissen. Woher wusste sie das? Seit drei Jahren wartete sie darauf, dass er sich für sie entscheiden würde. Die Tränen kamen zurück noch ehe sie ganz gegangen waren.
„Na, da es nicht weitergeht, werden wir beide wohl Weihnachten feiern müssen. Ich hab zwar nicht viel dabei, aber es wird schon reichen.“ Die Alte zauberte eine Packung Spekulatius und ein Glas Gurken aus ihrer Tasche hervor.
„Gurken?“ fragt sie.
„Hey, das sind Weihnachtsgurken“, sagte die Alte und dann lachte sie aus vollem Herzen Die Alte lacht so laut, dass sie mitlachen musste. Wie eine Melodie zog das Lachen durch den ganzen Wagon.
Die Alte holte eine schon etwas gebrauchte Weihnachtsserviette heraus, dekorierte die Kekse und die Gurken darauf.
Ihr Handy klingelte. Sie zuckte zusammen.
„Das ist er, oder?“ fragte die Alte vorwurfsvoll.
Sie nickte schuldbewusst.
„Wahrscheinlich hat er sich zwischen Ente und Weihnachtsmärchen aufs Klo geschlichen, um sich bei Dir zu melden. Ist das die Art von Liebe, die du dir wünschst? Heute ist Weihnachten. Denk mal drüber nach, Kindchen.“
Noch bevor sie antworten konnte, drückte ihr die Alte eine Gurke in die Hand und sagte: „Frohe Weihnachten!“

Etwas musste sie geweckt haben. Erschrocken sah sie sich im Abteil um, doch sie war allein, keine Anzeichen von der alten Dame. Der Zug fuhr auch schon wieder. Sie musste eingeschlafen sein. Wo war die Alte hin? Ihr Handy piepste. Ja, richtig, er hatte ihr vorhin noch eine Nachricht geschrieben und sie hatte sie noch nicht einmal gelesen. Einen Moment zögerte sie, dachte an die Sätze der Alten, von der nicht der kleinste Hinweis mehr zu entdecken war.
Schweren Herzens nahm sie das Handy in die Hand, als sie auf der Zunge den Geschmack von sauren Gurken spürte.
„Weihnachtsgurken“, sagte sie leise wie ein Mantra vor sich hin.


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Saure Weihnachten von Christian Baumelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.

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