Donnerstag, 29. Dezember 2011

Der Drache von Tarascon

Hallo liebe Leserinnen und Leser,
das Kapital 8, das gerade den Internet-Krimi "Der Drache von Tarascon" weiterführt,
ist von mir.
Schaut doch einfach mal hinein.
Den Link findet Ihr rechts!

Viele Grüße

Euer Wortverdreher

Montag, 19. Dezember 2011

Saure Weihnachten

Ein kleiner Linienbus in der Adventszeit in Rom.


Die völlig unweihnachtliche Landschaft zog in Windeseile an den Fenstern des Schnellzugs vorbei. Beim Einsteigen hatte sie noch gedacht, dass dem ICE nur noch eine rote Nase fehlt, damit er sich Rudolph nennen könnte. Ein Lächeln flog über ihr Gesicht, etwas seltenes in letzter Zeit. Sie war auf dem Weg nach Hause, in ihre leere kalte Wohnung, deren einziger Weihnachtsschmuck eine Kerze ihrer Mutter war. Sie hatte keine Lust auf Weihnachten. Seit drei Jahren lebte sie irgendwie zwischen der Zeit, dort wo es keinen Platz für Weihnachten, Geburtstage oder Familienfeierlichkeiten gab. Familie war woanders.
Es war der Heilige Abend, der Zug gähnend leer, da all jene, die Weihnachten auf die eine oder andere Weise feierten, in ihren Wohnzimmern saßen, Kartoffelsalat aßen, Weihnachtslieder sangen oder sich zumindest anhörten und sich beschenken ließen. Weihnachten wird unterm Baum entschieden. Was für eine Scheiße. Was verstehen die denn eigentlich von Weihnachten?
Sie würde gerne der Zeit entfliehen, wünschte sich, der Zug würde sie in eine Zeit, jenseits von Weihnachten bringen. Die matschigen Felder reihten sich nahtlos aneinander wie bei einer Bernsteinkette. Nicht einmal Schnee gab es. Weihnachten. Pah!
Der Zug wurde langsamer, trudelte aus, kam zum Stehen. Nichts Ungewöhnliches bei der Bahn, dachte sie. Sie schaute auf ein kleines Wäldchen. Plötzlich fühlte sie sich, wie der letzte Mensch auf der Welt. Zögernd stand sie auf, verließ das Abteil und ging den schmalen Gang des Wagons entlang, um sich zu vergewissern, nicht alleine zu sein.
Sie ging an sechs Abteilen vorbei, alle leer. Eine innere Unruhe stieg in ihr auf. Mit einem leichten Zittern öffnete sie die Wagontür und betrat den nächsten Wagen. Acht Abteile, alle leer. Keine Durchsage, kein Zugpersonal. Sie stand allein in einem verlassenen Zug im Nirgendwo. Vergessen. Das konnte doch nicht sein. Verdammt, es war Weihnachten. Sie ging weiter, dritter Wagen, acht Abteile, alle leer.
Ein kleiner Anfall von Panik stieg in ihr auf. „Ruhig“ sagt sie sich. „Irgendjemand muss wenigstens diesen Zug fahren.“ Aber der Zug fuhr nicht einmal mehr.
Der letzte Wagon. Sie hielt den Atem an. Das erste Abteil, leer. Das zweite, leer. Das dritte, leer. Nein, da saß eine ältere Dame, die sie gelassen anlächelte.
„Komm rein Kindchen.“
„Wissen sie was hier los ist?“
„Nein, aber das wird schon nichts Schlimmes sein. Selbst wenn, wir könnten ohnehin nichts daran ändern.“
Sie nickte und betrat das Abteil, setzte sich der alten Dame gegenüber. Die Alte trug ein strenges, für ihr Alter erstaunlich kurzes schwarzes Kleid mit weißem Kragen, dazu einen weißen kuscheliger Schal, der aussah, als wäre er aus Wolken gemacht. Ihre weißgrauen Haare waren gekonnt frisiert, die Lider etwas geschminkt und ihre faltigen Lippen leuchteten in einem unaufdringlichen aber auffälligen kussrot.
„Na Kindchen, was hat dich denn am Heiligen Abend hier verschlagen?“
„Ich bin auf dem Heimweg.“
Die Alte sah sie streng an, nickte wissend. „Und er ist bei der Familie.“
Das war keine Frage. Das war eine Feststellung. Ein Volltreffer. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen.
„Ich seh das Kindchen. Ich seh das sofort. Ich habe schon so viel in meinem Leben gesehen.“ Sie atmete tief durch. War es wärmer geworden im Abteil? Das frierige Zittern hatte nachgelassen.
„Wenn er dich hat gehen lassen, dann lass ihn auch gehen. Du hast was Besseres verdient Kindchen. Warten kannst du auf den Zug, aber nicht auf das Leben. Und schon gar nicht darauf, dass ein Mann seine Frau verlässt.“
Die Alte lächelte. Wie konnte sie das alles nur wissen. Woher wusste sie das? Seit drei Jahren wartete sie darauf, dass er sich für sie entscheiden würde. Die Tränen kamen zurück noch ehe sie ganz gegangen waren.
„Na, da es nicht weitergeht, werden wir beide wohl Weihnachten feiern müssen. Ich hab zwar nicht viel dabei, aber es wird schon reichen.“ Die Alte zauberte eine Packung Spekulatius und ein Glas Gurken aus ihrer Tasche hervor.
„Gurken?“ fragt sie.
„Hey, das sind Weihnachtsgurken“, sagte die Alte und dann lachte sie aus vollem Herzen Die Alte lacht so laut, dass sie mitlachen musste. Wie eine Melodie zog das Lachen durch den ganzen Wagon.
Die Alte holte eine schon etwas gebrauchte Weihnachtsserviette heraus, dekorierte die Kekse und die Gurken darauf.
Ihr Handy klingelte. Sie zuckte zusammen.
„Das ist er, oder?“ fragte die Alte vorwurfsvoll.
Sie nickte schuldbewusst.
„Wahrscheinlich hat er sich zwischen Ente und Weihnachtsmärchen aufs Klo geschlichen, um sich bei Dir zu melden. Ist das die Art von Liebe, die du dir wünschst? Heute ist Weihnachten. Denk mal drüber nach, Kindchen.“
Noch bevor sie antworten konnte, drückte ihr die Alte eine Gurke in die Hand und sagte: „Frohe Weihnachten!“

Etwas musste sie geweckt haben. Erschrocken sah sie sich im Abteil um, doch sie war allein, keine Anzeichen von der alten Dame. Der Zug fuhr auch schon wieder. Sie musste eingeschlafen sein. Wo war die Alte hin? Ihr Handy piepste. Ja, richtig, er hatte ihr vorhin noch eine Nachricht geschrieben und sie hatte sie noch nicht einmal gelesen. Einen Moment zögerte sie, dachte an die Sätze der Alten, von der nicht der kleinste Hinweis mehr zu entdecken war.
Schweren Herzens nahm sie das Handy in die Hand, als sie auf der Zunge den Geschmack von sauren Gurken spürte.
„Weihnachtsgurken“, sagte sie leise wie ein Mantra vor sich hin.


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Saure Weihnachten von Christian Baumelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Schreiben ist Atmen

Schreiben ist Atmen

Schreiben ist
Atmen durch Papier
in-sich-selbst reisen
Blindflugpassagier

Schreiben ist
Parfüm der Tinte
Verwirrungen erwörtern
Heileweltlösungsfinte

Schreiben ist
denken in Zeilen
Linien übertreten
Zwischenraummeilen

Schreiben ist
Freiheit in Schrift
sich Lassen lassen
Lethargiegegengift

Schreiben ist
Seiten als Resonanzfläche
Zeilen spiegeln
Fehlinterpretationsschwäche

Schreiben ist
Wörter trinken wie Wasser
geschlucktes ausspucken
Wörterfallverfasser

Schreiben ist
Zirkusmanege für Notlagen
Purzeltexte schlagen
Buchstabenturner


Schreiben ist
Blick durchs Passpartout
Gedanken einrahmen
Kopfwandtattoo

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Sonntag, 4. Dezember 2011

gestern-heute-morgen

4.12.11
gestern - habe ich neue Erfahrungen gemacht
heute - spüre ich, wie sie mich verändern
morgen - bin ich ein Anderer und werde neue Erfahrungen machen

Gestern, Heute, Morgen 3.12.11

Aus meinem Wochenendstudium nehme ich die Anregung mit, regelmäßiger mich ganz kurz mit der Perspektive gestern-heute-morgen zu beschäftige.
Mein gestern-heute-morgen von Samstag:

gestern - war ein Versprechen
heute - versuche ich eine Brücke ins morgen zu bauen
morgen - wird sich zeigen, ob die Brücke begehbar ist

Glück

Ein paar Fragen an das Glück!


Wie viel Glück braucht es 
um glücklich zu sein?
Braucht man Zufriedenheit 
um glücklich zu sein? 
Wie viel Zufriedenheit braucht es
um zufrieden zu sein? 
Braucht man Glück
um zufrieden zu sein? 
Wie viel Glück braucht es
um zuglücklich zu sein? 
Braucht man Zufriedenheit
um Frieden zu sein? 

Sonntag, 20. November 2011

Schreiben löst Hautschichten

Diese Wahrheit begleitet mich seit einigen Tagen. Ich möchte gerne noch einen Text daraus machen, aber zunächst entstand das folgende Gedicht:


Hautschichten

Ich bin ein Lebenssucher
ein Hungernder nach Zeit
der alles will, außer verfluchter
Lebensselbstverständlichkeit.

Traumtänzer steht auf meiner Stirn
als Makel oder Zeichen
ein Flausensturm in meinem Hirn
der Gewöhnung auszuweichen

Schlage meine Welt in Trümmern
ein Gedankenbeben, Stärke zehn
damit die Träume nicht verkümmern
ich kann über Scherben gehen.

Ritze die Angst in meine Haut
löse sie, Schicht um Schicht
die echten Zeiten sind geklaut
die Vergangenheit ein Schwurgericht. 

So trage ich stolz die Narben
all der Fehler, die mich nicht normten
all der Gedanken die verstarben
all der Begegnungen, die mich formten. 


Danke für diese Aussage. Dieses Gedicht ist auch für Dich!  

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Samstag, 12. November 2011

Gepäckservice 2. Teil

Nichts geschah. Nach gut zehn Minuten besah er sich den Koffer genauer. Er war bis auf seine grelle Farbe absolut unscheinbar. Das einzig persönliche, war der kleine, silberne Gepäckanhänger, welcher am Griff angebracht baumelte. Für einen Moment war er versucht hineinzusehen, um herauszufinden wie sie hieß, doch er zögerte. Dann plötzlich rumpelte lautstark ein neuer Koffer auf das Gepäckband. Ein neuer Flieger war gelandet. Schnell folgten weitere Koffer und der Raum füllte sich mit Leben. Nachhausegekommene, Reisende, Abenteurer und verausgabte Angestellte griffen ihre Koffer, um in den Rest des Tages zu starten. Nach einer halben Stunde kehrte wieder Ruhe ein. Diesmal blieb kein Koffer übrig. 
„Kann ich Ihnen helfen“ fragte ihn plötzlich ein Flughafenmitarbeiter. 
„Nein, alles in Ordnung“ sagt er schnell und war froh, als der Mitarbeiter zwar etwas unsicher aber dann doch zügig weiterging. In Zeiten der weltweiten Unsicherheit sah es sicher verdächtig aus, dass er hier seit einer Stunde auf seinen Koffern saß, ohne sich zu bewegen. Eigentlich ja auf seinem Koffer, denn der andere gehörte ihm ja gar nicht. Aber er würde etwas unternehmen müssen, schloss er. Mutig griff er zum Gepäckanhänger, um Name und Adresse der Unbekannten herauszufinden. „J. Bauer, Birkenstraße 18, 10559 Berlin“ Er war enttäuscht „J.“ Konnte so ziemlich alles heißen. Von Janine bis Jürgen, war alles möglich. Er wollte gerade sein Namensgedächtnis anzapfen, als er den Flughafenmitarbeiter wieder sah. Da er auf keinen Fall einen Sicherheitsalarm auslösen wollte, griff er sich die beiden Koffer, um sich im nächsten Café die weiteren Schritte zu überlegen. 
Nach einem großen Schluck heißem Kaffe funktionierte sein Namensgedächtnis gleich viel besser. „J.“, dachte er. Das könnte Janine, Julia, Josephine, Jennifer, Juliane, Jacqueline, Johanna, Judith, Janet, Jessica oder Jutta heißen. So viele Möglichkeiten, so viele Leben. 
„Jennifer“, murmelte er vor sich hin. Sie war sicher eine Schauspielerin kurz vor ihrem Durchbruch. Ein großes Filmstudio hatte ihr eine Rolle neben Moritz Bleibtreu angeboten, aber sie hatte Angst vor den Nacktszenen und so musste sie noch immer, um ihren künstlerischen Durchbruch bangen. Sie lebte in einer Wohngemeinschaft mit einer Studentin und einem Taxifahrer, mit dem sie mal für zwei Monate zusammen war, dem sie aber einen Laufpass gegeben hatte, weil er sie als Künstlerin einfach nicht ernst nahm. Sie kam von einem Kurzurlaub aus Italien mit Zwischenlandung in München zurück. Ihren Koffer hatte sie nicht mitnehmen können, weil sie sonst zu spät zu ihrem Vorsprechen für den nächsten Til Schweiger Film gekommen wäre. Sie und ihr Koffer könnten bald sehr berühmt sein, dachte er und ein Lächeln flog über seine Mundwinkel hinweg. 
„Janet“, sagte er leise und sehr betont vor sich hin. Sie war Mitarbeiterin in einer Werbeagentur. Einer der größten Kunden hatte sie zu einem Meeting nach München eingeladen. Sie hatte sich zwei Wochen lang intensiv darauf vorbereitet, aber der bayrische Naturbursche ließ sie gnadenlos auflaufen. Er forderte sie drei Tage lang immer wieder auf das Konzept umarbeiten, um sich mehrmals täglich an ihrem unsicheren, aber faszinierenden Auftreten zu erfreuen. Nach dieser Marathonarbeit grinste er sie ihr ins Gesicht: „Ich habe mich gerade für das Angebot einer anderen Agentur entscheiden.“ Er muss es genossen haben, wie sie vor ihm in sich zusammenbrach. Morgen würde sie ihrem Chef gestehen müssen, dass sie den Auftrage vermasselt hatte. Bedrückt und mit dem Gedanken morgen entlassen zu werden, hatte sie ihren Koffer fast selbstverständlich aus den Augen verloren. Ein Gefühl des Mitleids und der Wunsch sie trösten zu wollen durchschwebten ihn, als er seinen Kaffee bezahlte. 
„Mmmhhhh Johanna“ seufzte er auf dem Weg zum Taxistand. „Dr. Johanna“ korrigierte er sich selbst. Sie war eine der jüngsten Absolventinnen der medizinischen Fakultät in Freiburg. Sie galt als weltweite Kapazität auf dem Gebiet der Herzchirurgie, auch wenn ihr eigenes Herz noch immer gebrochen war. Ihr Exmann hatte sie wegen einer jüngeren verlassen. Mit ein bisschen Wehmut merkte er, dass er gerne an ihrem offenen Herzen operieren würde. Sie kam gerade von einem Symposium in München und wurde direkt mit einem Rettungshelikopter in die Charité geflogen, um dort eine äußerst komplizierte Notoperation vorzunehmen. 
Er bestieg das Taxi mit den Worten: „Bitte in die Birkenstraße 18 in Moabit.“ Der Fahrer nickte. Langsam starte das Taxi aus der Parklücke, sich in den dahinziehenden Verkehr einreihend. 
„Judith, Judith, Judith“, flüsterte er. Judith war ein Fetish-Model und trug während der Arbeitszeit fast nur Lack- und Lederwäsche. Sie hatte eine große Fangemeinde, von denen sich natürlich niemand öffentlich zeigen würde, so dass Judith auch nie wirklich bekannt geworden war, obwohl ihr Tausende, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Füßen lagen. In zahllosen Magazinen konnten man ihren Körper bewundern, mal mehr mal weniger von den unterschiedlichsten Materialien bedeckt. Auf der Straße sah sie gerade zu unscheinbar aus, aber als Model zurecht gemacht, konnten sie den Männern förmlich im vorbeifliegen den Verstand rauben. Sie wurde, wie es sich für eine Fetisch-Queen gehörte, natürlich abgeholt, doch ihr menschlicher Fussabstreifer hatte den Koffer vergessen, um sich freudig erregt seiner Strafe zu stellen. 
Er musste sich richtig zusammennehmen, um nicht laut loszulachen, als der Wagen hielt. Er bezahlte den Fahrer und stieg aus. Mit beiden Koffern in der Hand näherte er sich dem vierstöckigen Wohnhaus. Die Eingangstür stand offen. Nach einem kurzen, sich vergewissernden Blick auf die Klingeltafel stieg er die Treppen empor. Im zweiten Stock blieb er stehen. „J. Bauer“, stand am Klingelschild. Vielleicht doch Jürgen? Das ganze Haus schien für einen Moment den Atem anzuhalten, als er den Finger auf die Klingel legte. „Bitte legen Sie den Gurt an und stellen sie das Rauchen ein“, hallte es durch seinen Kopf, als er klingelte. 

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Gepäckservice von Christian Baumelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.
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Gepäckservice - Teil 1

Gepäckservice
So langsam gab ihm auch sein Magen das Gefühl, wieder auf der Erde angekommen zu sein. Er hatte nicht wirklich Flugangst, aber beim Start und bei der Landung zeigte sein Magen dann doch deutliche Anzeichen einer gewissen Anspannung. Dieses kribbelnde Gefühl, dass sich wie eine Ameisenarmee durch das Innerstes bewegte. Kein Gefühl der Übelkeit, sondern mehr ein Gefühl der Unsicherheit, des Nervenkitzels. Früher hatte er dieses Gefühl ganz bewusst herbei geführt, wenn er sich auf dem Schützenfest geradezu kopfüber in die wilden Fahrgeschäfte stürzte. Heute beschlich ihn dieses Gefühl nur noch beim Fliegen, nur dass er es in diesem Fall eher zwangsläufig in Kauf nahm, als es bewusst herauszubeschwören. 
Er flog nicht allzu viel, doch das Kribbeln war jedes Mal dabei. Noch nie hatte er die kleinen hübschen Tütchen zur Hand nehmen müssen, aber er empfand es immer als beruhigendes Gefühl, dass sie da waren. Bei besonders turbulenten Flug hatte er auch schon das ein oder andere mal die Tüte mit seinen Fingern berührt, um sich ihre Anwesenheit zu vergegenwärtigen und sich anschließend deutlich entspannter wieder in den Sitz zurück fallen zu lassen. 
Dieses Mal jedoch deutete alles auf einen ruhigen Flug hin. Der Start verlief schnell und äußerst ruhig und der Himmel zeigte sich in seinem wolkenlosen Kleid von seiner besten Seite. Er atmete tief durch, lehnte sich zurück. In einer Stunde würde er bereits wieder festen Boden unter den Füßen haben. 
Er spürte das sanfte Aufsetzen bei der Bilderbuchlandung in Berlin. Das Kribbeln in seinem Inneren hielt, sich Dank der herausragenden Leistung des Piloten, in Grenzen. Dennoch verließ er das Flugzeug mit einer gewissen Erleichterung. 
Zwanzig Minuten später war auch sein Magen in Berlin angekommen. Er atmete tief durch und ging in Richtung Gepäckband. Bei Inlandsflügen war hier nie viel los, dennoch war er, auch seinem Magen zu liebe, zunächst ein bisschen umhergewandert. So konnte er seinen Koffer in aller Ruhe in Empfang zu nehmen. Die meisten Reisenden im Flieger waren Geschäftsleute mit leichtem Handgepäck. Alle übrigen hatten bereits ihre Koffer geschnappt, so dass er allein am Gepäckband stand. Sein Koffer fuhr geradewegs auf ihn zu. Mit einer schnellen Bewegung hob er ihn auf, um den Flughafen zu verlassen, als er am Ende des Bandes noch einen Koffer sah, der gerade um die Kurve kam. Überrascht sah er sich um, doch niemand war zu sehen. Der Koffer war grellrot, unmöglich ihn zu übersehen. Er schloss die Augen, um sich noch einmal die wenigen Mitreisenden vor Augen zu führen. Wem würde er einen solchen Koffer zuschreiben? Ein Koffer in dieser Farbe würde einer Frau gehören, dessen war er sich sicher. Die Maschine war auf dem Flug fast leer und er konnte sich lediglich an drei Frauen erinnern. Eine der Frauen hatte direkt vor ihm eingecheckt. Sie hatte keinen Koffer dabei und konnte somit sofort von der Liste gestrichen werden. Die Zweite hatte er vorhin noch in Begleitung von mehreren kleineren Kindern die Halle verlassen sehen. Derartig umsorgt würde sie wohl kaum ihren Koffer vergessen haben. Blieb einzig und allein die schlanke, blonde Dame, die drei Reihen vor ihm gesessen hatte. Die ganze Zeit hatte er darauf gehofft, sie einmal von vorne zu sehen, doch das blieb ihm verwährt. Er hatte sie nur von hinten gesehen, als sie Platz nahm, konnte sich jedoch einer deutlichen Begeisterung für ihr Äußeres nicht erwehren. Jetzt würde er also die Gelegenheit bekommen sie noch einmal und diesmal in voller Größe und Schönheit zu sehen. Er nahm den roten Koffer bei der Vorbeifahrt vom Band, stellte ihn vor sich und setzte sich auf seinen Koffer, um auf die Ankunft der unbekannten Dame zu warten. 

to be continued

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Neuer Lesestoff

Die Hektik der letzten Tage und die intensiven Erlebnissen fordern mehr Zeit als ich bereitwillig geben wollte. Daher gibt es etwas anderes zum Lesen. Diese Geschichte, deren erster Teil nun zu lesen ist, entstand unter dem Motto Flugreisen. Sie war auch kurzzeitig im Internet veröffentlich.
Der zweite Teil folgt!

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Aller Anfang...

Für erste vielleicht ein Hinweis auf eine Erzählung von mir, die im Netz zu finden ist. Die Geschichte entstand nach einer Ausschreibung im Internet, in der Geschichten rund um das Thema Haare gesucht wurden.

Das hier ist MEINE:

http://www.kurzgeschichten-verlag.de/haare/haare-276.html

Ein kleiner Auszug:
(...)
Ein Lächeln flog über sein Gesicht. In dieser Gasse steckten mehr Erinnerungen als in seinem Kopf. Das Straßenpflaster, auch wenn es inzwischen ausgetauscht worden war, schien sein eigenes Gedächtnis zu besitzen und es hatte nichts vergessen. Nichts. Mit jedem Schritt flüsterte es ihm das Vergangene leise säuselnd in sein Ohr.
(...)

Auftakt

Los gehts. Wortverdreher. Schreiben ist meine Leidenschaft und diese Seite bietet die Möglichkeit mich beim Schreiben zu begleiten. Am liebsten schreibe ich kurze Erzählungen. Ich werde diese Seite nutzen, um auf meine veröffentlichten Erzählungen hinzuweisen, neue zu entwickeln und Anregungen für meinen Texte zu erhalten.

Worte sind ein so schönes Werkzeug, weil sie so universell einsetzbar und veränderbar sind.
Dieser Blog ist eine Experimentierplattform für mich.

Ich hoffe, dass Ihnen die Posts gefallen und Sie ab und zu meine Wortspielereien verfolgen.

In diesem Sinne: Der Worte sind noch nicht genug gewechselt!