Freitag, 25. Mai 2012

Neulich Nacht am S-Bahnhof




Da ich bereits vor kurzem einmal mit der netten Anzeige „Betriebsschluss“ am S-Bahnsteig empfangen wurde, war ich vorgewarnt und hatte mir vorsichtshalber mit Hilfe meines Apps die letzte S-Bahnverbindung von Schulzendorf nach Babelsberg herausgesucht. Die Abfahrtszeit war 0:14 Uhr, dann umsteigen am Gesundbrunnen und Westkreuz mit Ankunft im Potsdam um 1:20 Uhr. Mit einmal 8 und einmal 2 Minuten zum Umsteigen war der Plan zwar sportlich ambitioniert, aber machbar. In Schulzendorf noch optimistisch eingestiegen kamen schnell Zweifel auf, als die S-Bahn plötzlich auf offener Strecke langsamer wurde und schließlich anhielt. Während ich noch in Gedanken die Umsteigezeiten kalkulierte, kam aus heiterem Himmel plötzlich die Ansage, dass wir aufgrund einer Signalstörung die entgegenkommende S-Bahn abwarten müssten. Nur 5 Minuten später folgte bereits die zweite Durchsage, dass sich die Abfahrtszeit um weitere 3 bis 4 Minuten verzögern werde, da wir weiterhin auf die entgegenkommende Bahn warten mussten. Von soviel Informationen während einer einzigen S-Bahnfahrt irritiert, versuchte ich mir einzureden, dass es zumindest noch eine geringe Möglichkeit gab, die Anschlussbahn am Gesundbrunnen zu erwischen. Dies misslang. Mit meinem App nach Alternativen suchend, nahm ich die nächste Ringbahn. Ich wusste, dass ab Hohenzollerndamm die Nachtbusse fuhren, die nun die einzige Verbindung nach Potsdam darstellten. Am S-Bahnhof Westkreuz, an dem ich normalerweise in die S-Bahn nach Potsdam umgestiegen wäre, konnte ich auf der Anzeigentafel für das untere Bahngleis die Ankündigung einer Verbindung nach Potsdam sehen, jedoch die Abfahrtszeit nicht erkennen. Da ich mir sicher war, dass sie wohl kaum anschreiben würden, dass die nächste Bahn erst am Morgen kommen würde, stieg ich aus. Als ich vor der Anzeigentafel stand fuhr die S-Bahn, mit der ich gekommen war, ab. Die elektronische Anzeigetafel, die in der Regel die Minuten bis zur nächsten Abfahrt anzeigt und bei der ich noch nie einen Wert gesehen habe der höher als 30 Minuten lag, zeigte die nächsten vier kommenden Züge an. Als erstes war die Bahn nach Potsdam angekündigt. Die Dauer bis zu Abfahrt betrug 186 Minuten. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr war mir klar, dass damit die Bahn um 4:42 Uhr gemeint war. So lange wollte ich dann doch nicht warten. So nahm ich die nächste S-Bahn zum Hohenzollerndamm, um dort fast mit direktem Anschluss in den Nachtbus nach Zehlendorf zu steigen. Dort angekommen musste ich zu meinem Anschlussbus laufen, der mich nach Potsdam bringen sollte. In Potsdam wollte ich am Bahnhof in den dritten Nachtbus umsteigen, der mich dann nach Babelsberg bringen sollte. So weit der Plan, gedachte Ankunftszeit 2:41 Uhr. Leider war am S-Bahnhof Wannsee aufgrund eines schweren Verkehrsunfalls die Straße gesperrt, so dass die Busfahrt leider ziemlich abrupt endete. So ging ich an der unschönen Unfallstelle mit einem völlig ausgebrannten Motorradwrack vorbei zum S-Bahnhof Wannsee, um von dort ein Taxi zu nehmen. 20 Euro ärmer dafür aber 20 Minuten früher als gedacht, erreichte ich dann um halb drei mein Zuhause. 

Wir sind Berlin:
Wir können alles! 
Außer Flughafen
und S-Bahn. 

Freitag, 18. Mai 2012

Schatten




Wenn ich in den Spiegel sehe
erkenne ich mich
und Dich.
Was machst Du hier?
Warum bist Du immer noch da?

Bist Du immer noch nicht satt
von meinem Dunkel?

Bist Du immer noch nicht voll
von meinem Schmerz?

Hast Du immer noch nicht genug
von meiner Angst?

Brauchst Du immer noch mehr
von meinem Licht?

Raubst Du mir immer noch mehr
von meiner Kraft?


Waren die Kilometer Straßenstaub
noch nicht genug, um Dich 
abzutrainieren?

Waren die Diäten und Fastenkuren
noch nicht genug, um Dich
auszuhungern?

Waren die Seminare und Selbsterfahrungen
noch nicht genug, um Dich
zu überwinden?

Waren die Bücher und Studien 
noch nicht genug, um Dich
zu verlernen?

War das Schreiben meiner Geschichten 
noch nicht genug, um Dich
wegzudichten?

Waren die Selbstreflexionen und Rückmeldungen
noch nicht genug, um Dich 
zu durchschauen?
Werde ich jemals aus Dir heraustreten können?
Ich akzeptiere, dass es Dich gibt
als Teil meiner Vergangenheit. 
Ich werde Dich nicht leugnen,
aber wenn Du mich aus dem Licht drängst,
werde ich Dich bekämpfen. 

Creative Commons Lizenzvertrag
Schatten von Christian Baumelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

Sonntag, 13. Mai 2012

Versteinerungen



Ein neuer Schmerz
eine neue Spalte
die sich an die 
verwinkelten Risse
der Herzschluchten 
im Seelengebirge 
anschließt. 
Das jahrzehntetiefe Flussbett
eine Landkarte der Erlebnisse
mit scharfen Erinnerungsvorsprüngen
glattgeschliffenem Hoffnungskies
dornenreichen Entscheidungssträuchern
und verwirrenden Traumsandwirbeln
ein Zeugnis
der versteinerten Wunden.
und doch immer wieder 
Quelle eines neuen Verlaufs. 

Dienstag, 1. Mai 2012




Ein Drittel
Soweit die Füße tragen
doch tragen sie mich weit genug
die Aufregung lässt mich zweifeln
begehe ich hier Selbstbetrug?
Auf Schuss geht es los
ein Schwarm sucht sich sein Ziel
ich reihe mich brav ein
die Enge um mich, fast zuviel. 
Der Strom durchzieht die Straßen
ein neuer Blick auf alte Gassen
sich alles schrittweise zu erlaufen
ein neues Stadtgefühl erfassen. 
Seite an Seite, Schritt für Schritt 
doch jeder läuft für sich
jede Minute ist ein Sieg
jeder Kilometer hat Gewicht. 
Unzählig fröhliche Gesichter
säumen den Straßenrand
welch eine wahre Freude
als ich dort ein bekanntes fand. 
Das letzte Stück ist angebrochen
ich kämpfe mich den Berg hinauf
auch ein Sieger verliert schon mal
doch ein Sieger gibt nicht auf. 
Die letzten langen Meter
sind ein einziges Schweben
ein Triumph über mich selbst
und das Gefühl: alles gegeben. 
Potsdam, 29. April 2012